Eine Stadt passt sich an

Carola Rönneburg
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Die Stadtwerke Schneverdingen-Neuenkirchen am Rande der Lüneburger Heide sind Pilotprojekt im Netzplan Gas. Als Erste stellen sie ihre Versorgung von L- auf H-Gas um.

Fotos: Zukunft Erdgas

Wenn Jörn Peter Maurer im niedersächsischen Schneverdingen in den Supermarkt geht, wissen die Leute, wer er ist: Der Chef der Stadtwerke Schneverdingen-Neuenkirchen, die die Kleinstadt mit Nahwärme versorgen, die Straßen beleuchten, die Bäder und das Klärwerk betreiben. Sein Bekanntheitsgrad in der Kleinstadt am Rande der Lüneburger Heide ist für den 45-jährigen Geschäftsführer in diesen Tagen von großem Vorteil: Die Stadtwerke stellen am 1. Oktober ihr Netz auf eine andere Gasqualität um – von L- auf H-Gas –, und damit das reibungslos funktioniert, braucht es neben einem guten Plan vor allem gut informierte Kunden.

Erdgas findet man in Deutschland vor allem in den Regionen Elbe-Weser und Weser-Ems. 96,7 Prozent des deutschen Erdgases werden in Niedersachsen gefördert. Doch die Mengen sinken: Laut Geschäftsbericht des Wirtschaftsverbandes Erdöl- und Erdgasgewinnung (WEG) hat sich die Förderung zwischen 2008 und 2013 um ein Drittel gemindert, der Trend weist weiter abwärts. Nun kommt hinzu, dass Lieferverträge mit den Niederlanden auslaufen, die bisher rund ein Viertel der deutschen Erdgasversorgung abdecken. Das Nachbarland wird seine Erdgasförderung ab 2020 erheblich drosseln. Neben dem natürlichen Rückgang der Reserven in Groningen, dem größten Erdgasfeld Europas, haben Erdbeben in der Region dazu geführt, dass die Produktion zusätzlich begrenzt wurde.

Innerhalb der kommenden 15 Jahre wird ein Drittel der Gaslieferung in Deutschland ersetzt werden müssen – sie wird zukünftig als H-Gas aus Russland und Norwegen kommen. Der Schritt hat weitreichende Folgen: Weil H-Gas einen höheren Brennwert als L-Gas hat, müssen mehr als fünf Millionen Endgeräte, aber auch Industrie- und Biogasanlagen sowie Gaskraftwerke angepasst werden. Außerdem ist es erforderlich, das H-Gasnetz weiter aufzubauen. Diese Marktraumumstellung ist das größte nationale Infrastrukturprojekt. Die Kosten hierfür liegen im Milliardenbereich. Wann und welche Netzbereiche umgestellt werden, entscheiden die Bundesnetzagentur und die Fernleitungsnetzbetreiber.

Insgesamt 57 Stadtwerke in Bremen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Hessen stellen auf H-Gas um. Berlin und Brandenburg sind schon seit Jahrzehnten H-Gasgebiete. Andere Städte wie Soltau und Hameln haben bereits Eigeninitiative gezeigt und ihr Netz umgestellt. Sie wollten „die europaweit gängige Erdgasqualität H-Gas, um den Wettbewerb im liberalisierten Gasmarkt voll nutzen zu können“, so der damalige Hamelner Stadtwerke-Geschäftsführer Klaus Arnold. In Schneverdingen und seinem Nachbarort Neuenkirchen sind es 7.500 Geräte in Haushalten, vor allem Heizkessel, sowie fünf Anlagen größerer gewerblicher Kunden, die umgestellt werden müssen. Auch deshalb wurden die Stadtwerke gefragt, ob sie als erstes Netz umstellen und Pilotprojekt im Netzentwicklungsplan Gas werden wollten. Geschäftsführer Jörn Peter Maurer und seine Kollegen waren dazu bereit, entschieden jedoch, die Unternehmung nicht allein anzugehen. Mit nur 65 Mitarbeitern wäre das nicht zu stemmen gewesen. „Wir haben Unternehmen gesucht, die uns helfen können.“ Das Vorhaben wurde europaweit ausgeschrieben.

Brennwertkessel: Umstellung L-Gas auf H-Gas

Für die Umstellung von L-Gas auf H-Gas muss oft nur eine Düse getauscht werden

Die Aufgaben dieser Unternehmen unterteilten die Stadtwerke in einzelne Projekt-Etappen. Der erste Schritt ist die Erhebung: Wie viele Gasgeräte haben ihre Kunden? Welche Modelle, welches Alter? Dann folgt der zweite Schritt – die Anpassung, bei der in der Regel nur eine Düse ausgetauscht und die Luftzufuhr neu justiert wird. Maurer und die nahegelegenen Stadtwerke Böhmetal von Walsrode und Bad Fallingbostel bereiteten eine gemeinsame Ausschreibung vor – denn sie sind die Nächsten. Ihr Bereich wird 2016 umgestellt.

Der dritte Schritt ist die Qualitätskontrolle, die stichprobenartig durchgeführt wird. Geplant und koordiniert wird der gesamte Prozess vom einem externen Projektmanagement.

Maurer ist Jurist und weiß, dass mangelhafte Ausschreibungen rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen können. Deshalb zog er die auf europäisches Vergaberecht spezialisierte Kanzlei Bommert hinzu. Zudem sollten Anpassung und Qualitätskontrolle nicht an denselben Anbieter gehen. Am wichtigsten sei das Projektmanagement, sagt Maurer. Für diese Aufgabe in Schneverdingen ist das Gas- und Wärme-Institut Essen (GWI) zuständig. Die Projektleiterin heißt Sabine Roemer. Sie ist Diplom-Ingenieurin und begleitet seit 15 Jahren Umstellungen. „Man muss das Ganze logistisch vernünftig organisieren“, sagt sie.

„Man muss das Ganze logistisch vernünftig organisieren“

Sabine Roemer, Projektleiterin Gas- und Wärme-Institut (GWI)

Am Anfang stand eine umfassende Kommunikationskampagne. Im Februar verschickten die Stadtwerke eine Informationsbroschüre an ihre Kunden und richteten ein sogenanntes Erdgasbüro ein, das Fragen rund um die Umstellung beantwortet. „Böhme-Zeitung“ und „Heide-Kurier“ berichteten. „Das Thema war Stadtgespräch“, erzählt Maurer. Das Projekt habe davon enorm profitiert. Immerhin muss jeder der 6.000 erdgasversorgten Haushalte mindestens zweimal seine Tür öffnen und einen Monteur empfangen. Ballungszentren oder große Räume benötigten womöglich ein ganz anderes Kommunikationskonzept, meint Maurer: „Wir mussten zum Beispiel keine sprachlichen Barrieren überwinden.“ In den Großstädten, die vor der Marktraumumstellung stehen – Bremen macht den Anfang, es folgen unter anderem Köln und Frankfurt –, seien mehrsprachige Informationen gefragt. Die Schneverdinger jedenfalls wissen Bescheid: dass Mitarbeiter ortsfremder Firmen ihre Gasgeräte inspizieren, sich aber ausweisen können. Das Logo der Stadtwerke prangt auf ihren Jacken, ihre Fahrzeuge sind beschildert. Die Bestandsaufnahme dauert etwa eine halbe Stunde pro Erdgasgerät. „Und vor allem ist bekannt, dass die Erfasser nicht berechtigt sind, Geld zu verlangen“, erklärt Maurer. „Eine Sicherheitsmaßnahme gegen Trickbetrüger.“

Wie wichtig eine genaue Erhebung ist, macht Projektmanagerin Sabine Roemer deutlich: „Es gibt 16.000 unterschiedliche Heizungsmodelle auf dem Markt“, sagt sie. Die Erfasser notieren Hersteller und Typ des Gerätes, prüfen es aber auch auf Mängel und beurteilen, ob es überhaupt anpassungsfähig an das H-Gas ist. Die Pilot-Stadtwerke wissen sich hier grundsätzlich auf der sicheren Seite: Ihr Gasnetz wurde erst in den 80er-Jahren aufgebaut. Entsprechend jung sind die Geräte, die angepasst werden müssen. Ganze acht, so die Auswertung, sind nicht anpassungsfähig und müssen stillgelegt werden. Für diese Fälle bietet Maurer den Kunden ein „Wärmecontracting-Modell“ – die Stadtwerke stellen einen Ersatz, der in ihrem Besitz bleibt.

Der Löwenanteil der Arbeit beginnt nach der Umstellung auf das H-Gas. Während ein Fünftel der Endgeräte mit beiden Gassorten zurechtkommt und im Vorfeld angepasst wird, müssen 80 Prozent eingestellt werden, wenn das H-Gas sie bereits versorgt. Sechs Wochen beträgt die Zeitspanne, innerhalb derer das erledigt sein muss. Ungefähr 20 Installateure, längst beauftragt, werden in dieser Spitzenzeit in Schneverdingen unterwegs sein, für Gewerbe- und Industrieanlagen sind meist Fachleute der Gerätehersteller zuständig.

Woanders könnte es schwieriger werden, ahnt Maurer. „Die großen Unternehmen müssen hoffen, dass es genug Personal dafür gibt“, sagt er. Es ist tatsächlich eine Sorge, die Netzbetreiber haben. Die Arbeitsgemeinschaft Erdgasumstellung (Arge EGU), ein Zusammenschluss von 30 Verteilnetzbetreibern, warnte im Frühjahr „vor einem Engpass an Fachkräften in den externen L/H-Gas-Umstellungsunternehmen.“ Sie erwarte den Mangel 2018 oder sogar früher, selbst wenn die Firmen ihr Personal bis 2017 erhöhten. Den jährlichen Bedarf ab 2020 bezifferte die Arge EGU auf 310 Monteure und 29 
Mitarbeiter im technischen Projektmanagement. Das GWI berechnet sogar 400 Monteure, jeweils für zwei Monate pro Jahr. Der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfachs (DVGW) geht von 450.000 Anpassungen pro Jahr aus. Hierfür werden zurzeit Monteure geschult und Firmen zertifiziert. Ob sie bereit sind, in dem großen Umstellungsgebiet von Stadt zu Stadt zu ziehen, wird sich erst zeigen. Darüber hinaus ist es schwieriger zu kalkulieren, welchen Zeitaufwand die Umstellung größerer Netze mit sich bringt – wenn zum Beispiel weitaus mehr Kunden als im ländlichen Raum von Schneverdingen die Schreiben ihrer Stadt-werke ignorieren oder Termine nicht einhalten. „Auch 
leer stehende Wohnungen, bei denen erst der Hauseigentümer oder die Verwaltung ermittelt werden muss, stellen ein Problem dar“, sagt Sabine Roemer.

Auf die ersten Erhebungen folgen auch schon die ersten Qualitätskontrolle​n. Fachleute prüfen in mindestens zehn Prozent aller Fälle, ob die ermittelten Informationen über die Gasgeräte stimmen. Später, nachdem diese angepasst worden sind, kontrollieren Prüftechniker diese Arbeiten stichprobenartig – wiederum bei mindestens zehn Prozent der Geräte.​

Der Bundesnetzagentur zufolge kostet die Marktraumumstellung etwa 250 Euro pro Haushalt und 2.500 Euro pro Unternehmen. Im gesamten Umstellungsgebiet kommen so 1,7 Milliarden Euro zusammen. Im Netzentwicklungsplan sind weitere 1,7 Milliarden Euro veranschlagt: Die Fernnetzbetreiber müssen unter anderem neue Leitungen von 300 Kilometer Länge für den H-Gastransport legen, außerdem Verdichterstationen neu bauen oder erweitern. Im Energiewirtschaftsgesetz ist festgelegt, dass diese Kosten auf alle Gasversorgungsnetze innerhalb des jeweiligen Marktgebietes umgelegt werden. In Deutschland gibt es davon zwei. Sie bestehen aus den Versorgungsgebieten von insgesamt 13 Fernleitungsnetzbetreibern, die sich zu Gemeinschaftsunternehmen zusammengeschlossen haben: NetConnect Germany deckt den Westen und Süden ab, GASPOOL den Norden und Osten. Die Umstellung betrifft beide Marktgebiete. Die Bundesnetzagentur beziffert die beiden ersten Umlagen für Verbraucher auf höchstens einen Euro bei einem Durchschnittshaushalt.

Schneverdingens Anteil an den Gesamtkosten fällt vergleichsweise gering aus: Mit zwei Millionen Euro schlägt die Umstellung bei den Stadtwerken im Jahr 2015 zu Buche. Die Summe wieder einspielen wird die sogenannte Marktraumumstellungsum-lage. Hierfür haben die Stadtwerke Schneverdingen-Neuenkirchen ihre Umstellkosten kalkuliert und im Vorjahr an ihren Marktgebietsversorger GASPOOL übermittelt. Der Fernleitungsnetzbetreiber Gasunie 
finanziert sie vor, indem er einen monatlichen Abschlag von einem Zwölftel der Jahreskosten an die Stadtwerke überweist. Aus diesen und weiteren 
Beträgen, die andere Erdgasnetzbetreiber gemeldet haben, ermittelt GASPOOL eine Umlage für das Folge-jahr, die alle Netzbetreiber in deren Marktgebiet bezahlen. Sie bezieht sich auf die Kapazität, die in Anspruch genommen wurde. Für 2015 sind 5,7 Millionen Euro kalkuliert.

Am 1. Oktober, Punkt 6 Uhr, soll H-Gas von der Übergabestation „Am Südring“ durch Schneverdingens Leitungen strömen und das L-Gas verdrängen. Merken würden die Kunden davon nichts, ist sich Jörn Peter Maurer sicher. Er rechnet eher während der Anpassungsphase mit vermehrten Anrufen im Erdgasbüro, zum Beispiel von Kunden, die ihre Umstellungstermine ändern möchten. Auch an dieser Stelle denkt er über die Lüneburger Heide hinaus. „Größere Städte müssen wahrscheinlich Callcenter einschalten, um mit ihren Kunden zu reden.“

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