Norwegen: Stiller Pionier

Michael Oppermann
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Der CH4blog schaut zum Auftakt der Länder-Specials nach Norwegen: trotz großer Öl- und Gasvorkommen ist das Land weltweit einer der Vorreiter in Sachen Energiewende.

Foto:Lars-Ove Lund/Thinkstock

Mit Wasserkraft zum Strom – Wind als stabilisierender Partner

Anders als in den meisten europäischen Ländern, basiert die Produktion von Strom in Norwegen bereits in erster Linie auf regenerativen Energiequellen. Hierbei stellt die Wasserkraft mit einem Anteil von rund 96 Prozent (2013) die zentrale Säule dar, deren Effizienz durch kontinuierliche Modernisierungen in den kommenden Jahren weiter gesteigert werden soll.

Obwohl Norwegen weltweit zu den führenden Erdöl- und Erdgas-Produzenten zählt, ist der Anteil fossiler Energien im Strommix verschwindend gering. Auf Nuklearenergie verzichtet das Land gänzlich.

Stattdessen wird die Wasserkraft durch Windenergie ergänzt. Ihr Anteil betrug im Jahr 2013 lediglich 1,4 Prozent. Dennoch wird ihr zunehmend Bedeutung beigemessen. Denn durch günstige Windverhältnisse und ideale Küstenstandorte sind die Voraussetzungen für die Produktion von Windenergie Bestens, so dass Windturbinen hier eineinhalb bis zwei Mal soviel Strom erzeugen können wie in Deutschland. Darüber hinaus ermöglicht Windenergie es, die Abhängigkeit von einer einzelnen Energieform zu minimieren sowie schwankende Niederschlags- und Zuflussmengen der Wasserkraftwerke auszugleichen. Dies hat auch die norwegische Regierung erkannt. Die bereits im Jahr 2012 gemeinsam mit dem Nachbarland Schweden eingeführten „grünen Zertifikate“ sind eine Maßnahmen, um unter anderem auch den Ausbau der Windenergie zu fördern.

Einher mit diesen Entwicklungen gehen der Ausbau und die Erneuerung des Übertragungsnetzes. Und auch hier beschreitet Norwegen einen besonderen Weg, denn um Angebot und Nachfrage besser zu steuern und das Stromnetz gleichmäßiger auszulasten, werden ab 2019 verpflichtend für alle Verbraucher intelligente Zählersysteme eingeführt.

NordLink macht Norwegen zum Pufferspeicher für erneuerbaren Strom aus Deutschland

Norwegen schreitet nicht nur beim Ausbau des Stroms aus alternativen Energiequellen im eigenen Land voran. Auch auf europäischer Ebene unterstreicht das Land, dass den Erneuerbaren die Zukunft gehört. Das Kooperationsprojekt NordLink zwischen Deutschland und Norwegen kann hierfür als Beleg gewertet werden.

Die 623 Kilometer lange Hochspannungs-Gleichstromleitung unter der Nordsee sorgt dafür, dass überschüssiger regenerativer Strom, der nicht verbraucht wird, an den Partner übertragen werden kann. Statt Windparks abzuschalten, können künftig Über- bzw. Unterangebote zwischen den beiden Ländern ausgeglichen werden.

In der Schifffahrtsbranche mit LNG auf dem Vormarsch

Auch wenn gasbasierte Systeme im norwegischen Stromsektor bislang keine bedeutende Rolle spielen, den Mobilitätssektor treiben sie voran. LNG, verflüssigtes Erdgas ist hier auf Erfolgskurs und bringt Norwegen insbesondere im Bereich der  Küstenschifffahrt auf weltweite Vorreiterposition.

Seit dem Jahr 2000, in dem die erste LNG-betriebene Fähre ihren Dienst aufnahm, hat Norwegen die LNG-Infrastruktur stetig ausgebaut. Im Ergebnis stehen heute entlang der Küste zahlreiche größere und kleinere LNG-Terminals, ein breites Anwendungsspektrum, welches parallel von norwegischen Energieunternehmen bis zur Marktreife hin entwickelt wurde sowie ein nationales Investitionsprogramm, das die Umrüstung von Schiffsmotoren auf LNG fördert. Mehr als 200 Schiffe sollen so in den kommenden Jahren ausgetauscht werden.

LNG in industrieller Anwendung und mit strategischer Erweiterung seines Gasmarktes

Mit dem geplanten LNG-Terminal in Narvik steht die nächste Ausbau- und Anwendungsstufe bevor. Dort soll aus einem norwegischen Erdgasfeld gefördertes und auf der Insel Melkøya verflüssigtes Gas industriell in den örtlichen Eisenwerken zum Einsatz kommen. Damit gelingt es Norwegen einen zusätzlichen Gasmarkt zu schaffen.


Hier geht es zum zweiten Teil der Länder-Specials: „Kanada sucht seinen Weg“


Elektromobilität boomt

Norwegen fördert bereits seit 1990 die Elektromobilität. Heute gehört das Land – nicht zuletzt auch wegen seiner unerschöpflichen Verfügbarkeit an regenerativem Strom – in diesem Bereich zu den Pionieren, denn nirgendwo sonst sind Elektroautos so erfolgreich. Das Land kann weltweit den größten Anteil an Elektroautos bezogen auf die Einwohnerzahl vorweisen. So sind heute rund 18 Prozent aller Neuzulassungen strombetriebene Fahrzeuge.

Die Marke von 50.000 zugelassenen Elektromobilen vermeldete Norwegen bereits im April 2015 – und damit zwei Jahre früher als geplant.

Der Boom ist politisch gesteuert. Mit großzügigen staatlichen Subventionen und Vergünstigungen schafft die norwegische Regierung gezielt Anreize. Wer ein E-Auto kauft, bezahlt weder Mehrwert- noch Importsteuer und Abgasabgaben. Darüber hinaus zahlen Fahrer von Elektromobilen keine Autobahngebühren, sie dürfen Busspuren benutzen und auf kommunalen Parkplätzen kostenfrei parken. Und schließlich können die Fahrzeuge an vielen Stellen gratis aufgeladen. Die Infrastruktur ist entsprechend gut ausgebaut, so dass es nahezu vor jedem Rathaus eine Ladestation gibt.

Oslos Öffentlicher Personen-Nahverkehr fährt auf Biogas

Neben Elektromobilen werden in Norwegen auch andere alternative Antriebsstoffe erprobt. Oslos Personen-Nahverkehr beispielsweise basiert auf einem systematischen Abfallmanagement. Das hierüber gewonnene Biogas trieb im Frühjahr 2013 bereits 87 Busse, 74 Müllauto und einige Firmen- sowie Privat-PKWs an. Bis zum Jahr 2020 soll die Anzahl biogasbetriebenen Busse auf 1.200 ansteigen. Bei den Taxis ist ein Ausbau auf 3.000 avisiert.

Im Jahr 2014 wurde eine derartige Anlage vom deutschen Hersteller Stadler übrigens mit einem Innovation Award von der Deutsch-Norwegischen Handelskammer ausgezeichnet.

Der individuelle Weg

Norwegen ist selbst unter den skandinavischen Ländern in puncto Energiewende führend. Das Land hat mit seinen besonderen Voraussetzungen einen ganz eigenen Weg gewählt, um die sukzessive Umstellung von klimaintensiven auf klimaschonende Lösungen im Bereich der Energieerzeugung und -versorgung zu vollziehen und dient damit als Vorbild, nicht nur in Europa. Ganz in der Manier eines stillen Pioniers.

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