Kanada sucht seinen Weg

Michael Oppermann
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Das rohstoffreiche Kanada überarbeitet seine Energieversorgung grundlegend: Premier Trudeau verstärkt das Klimaschutz-Engagement. Der zweite Teil der Länder-Specials schaut genauer hin.

Header Foto: Panemoj / iStock / Thinkstock

Kanadische Regierung nimmt sechs Milliarden in die Hand

Justin Trudeau macht Druck: Bereits kurz nach seiner Wahl zum neuen kanadischen Premierminister im Oktober 2015 kündigte er einen Richtungswechsel bei der Klima- und Energiepolitik an – und ließ gleich in seinem ersten Haushaltsentwurf Ende März den Ankündigungen konkrete Zahlen folgen. Für das Finanzjahr 2016 – 2017 plant die kanadische Regierung danach Ausgaben in Höhe von über 6 Milliarden kanadischen Dollar – das entspricht rund 3,9 Milliarden Euro – zur Bekämpfung des Klimawandels. Der Plan sieht unter anderem zahlreiche Maßnahmen zur Förderung der erneuerbaren Energien und der Energieeffizienz vor. Erdgas wird nach wie vor eine wichtige Rolle im künftigen Energiemix Kanadas spielen – wobei die Bedeutung von Provinz zu Provinz unterschiedlich ausfällt. Grund hierfür sind die Unterschiede in den bereits bestehenden Versorgungs- und Infrastruktursystemen, den Rohstoffvorkommen, den industriellen Ansiedelungen und natürlich den energiepolitischen Ausrichtungen der einzelnen Regionen.

Im besonderen Fokus der Regierung: die Dekarbonisierung der kanadischen Wirtschaft mit besonderem Fokus auf die klassische Energieindustrie des Landes. Sie basierte bislang wesentlich auf fossilen, kohlenstoffintensiven  Brennstoffen und ist mit rund 25 Prozent der Hauptverursacher der kanadischen Treibhausgas-Emissionen. Insbesondere die Teersandförderung, bei der Öl aus einem Ton- und Sandgemisch gewonnen wird, ist CO2-intensiv. Nach einem Bericht der Stanford Universität für die EU-Kommission werden durch Teersand 23 Prozent mehr Emissionen im Vergleich zum konventionellen Öl produziert. Genauso hoch ist auch der Anteil des Verkehrssektors an der kanadischen CO2-Gesamtbilanz. Gebäude und Stromerzeugung liegen bei jeweils nur 12 Prozent.

Teersand-Verarbeitung in Kanada

Teersand-Verarbeitung in der kanadischen Provinz Alberta | Foto: The Interior [CC BY-SA 3.0 or GFDL], via Wikimedia Commons

Stromerzeugung im Fokus der Provinzen

Anders als in Deutschland ist in Kanada die Stromerzeugung,
-übertragung und -verteilung alleinige Sache der Provinzen. Kein Wunder, dass ihr klimapolitisches Engagement sich besonders auf diesen Bereich konzentriert. Dabei stellt sich die Situation in den zehn kanadischen Provinzen sehr unterschiedlich dar. Erzeugte das an Bodenschätzen sehr reiche Alberta im Jahr 2014 noch 55 Prozent seines Stroms über Kohlekraftwerke, vollzog die Provinzregierung im vergangenen November eine 180°Grad-Wendung.

Alberta setzt verstärkt auf Erdgas

Die neue Zielvorgabe: Bis 2030 will Alberta komplett aus der Kohleenergie aussteigen und den Anteil der erneuerbaren Energien von neun auf 30 Prozent ausbauen. Auch Erdgas gehört fest zum Zukunftskonzept der Provinzregierung und soll verstärkt zum Einsatz kommen. Einmal um die witterungsbedingte Volatilität der erneuerbaren Energien auszugleichen, aber auch als attraktive Alternative für den Wärmemarkt. Bei winterlichen Durchschnittstemperaturen zwischen
−10 °Celsius im Süden und bis zu −24 °Celsius im Norden sicherlich keine schlechte Idee – und damit ein Modell, welches sich auch auf Deutschland übertragen ließe. Denn: Erdgas spielt hier insbesondere im Wärmesektor eine zentrale Rolle. Nahezu jeder zweite Haushalt wird mit Erdgas warm. Zudem gilt Erdgas als der ideale Partner der Erneuerbaren, deren Ausbau in Deutschland bekanntlich ebenfalls boomt. Erdgas schafft hier Lösungen, um sowohl Versorgungsausfälle als auch extreme Nachfragespitzen, beispielsweise an kalten Wintertagen, kurzfristig aufzufangen und überschüssige Energie speicherbar zu machen.

Für eine Dekarbonisierung gilt es, diese Ansätze auszubauen – Erdgas als Bestandteil des deutschen Energiemixes zu sichern und innovative Technologien wie Power-to-Gas zu fördern. Ganz nach dem Vorbild Alberta.


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Ontario war lange Vorzeigeprovinz

Ein anderes Beispiel ist Ontario, die mit 14 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichste der zehn kanadischen Provinzen. Dort beschloss die Provinzregierung bereits im Jahr 2004 den Ausstieg aus der Kohleenergie – und das obwohl der fossile Energieträger fast ein Viertel des Strombedarfs in Kanadas industriellem Kerngebiet abdeckte. Zehn Jahre später war es dann wirklich soweit: Ontario nahm das letzte Kohlekraftwerk vom Netz.

Mit Blick nach Deutschland dient auch dieses Beispiel als Orientierung: Statt die Elektrifizierung unserer Energieversorgung durch Kohle zu ermöglichen und damit immer höhere CO2-Emmissionen in Kauf zu nehmen, gilt es konsequent zu sein und die Innovationen immer unter dem Aspekt ihres tatsächlichen Klimaschutzbeitrages zu bewerten. Erdgas kann dabei eine zentrale Rolle übernehmen.

Neue Pläne sind umstritten

Doch das alleine reicht der liberalen Regierung um Ontarios Premierministerin Kathleen Wynne nicht aus. Anfang Juni veröffentlichte sie ihren umstrittenen „Climate Change Action Plan“. Das Ziel: die Reduktion des Treibhausgasausstoßes gegenüber dem Niveau von 1990 um 15 Prozent bis 2020, um 37 Prozent bis 2030 und gar um 80 Prozent bis 2050. Erreicht werden sollen diese Ziele neben einem Emissionshandel, der die Entwicklung  sparsamer und umweltfreundlicher Technologien fördern soll, insbesondere durch einen 80 Maßnahmen umfassenden Änderungskatalog, der vor allem die privaten Verbraucherinnen und Verbraucher betrifft.

Elektrische Heizungen sind teuer

So will Ontario ab 2030 in Einfamilienhäusern Heizungen mit fossilen Brennstoffen verbieten und stattdessen die Umstellung auf elektrische Heizungen forcieren. Einen ähnlichen Plan verfolgt die Bundesregierung mit dem Klimaschutzplan 2050, der ab 2030 ein Verbot von fossilen Heizsystemen in Neubauten vorsieht.

Dass dies einen erheblichen Strom-Mehrbedarf zur Konsequenz hätte, bleibt außer Frage. Und das kostet: Nach Berechnungen der progressiv-konservativen Partei Ontarios (Ontario PC) müssen strombeheizte Haushalte pro Jahr mit 2.000 Euro Mehrausgaben rechnen, als bislang mit Erdgas. Ein Szenario, das – tritt der Klimaplan wie vorgesehen in Kraft – auch viele deutsche Haushalte ereilen kann.

In Ontario ist außerdem offen,  wie der zusätzliche Strom künftig erzeugt werden soll. Denn wie schon im Wärmemarkt, will Ontarios Regierung auch bei der Stromproduktion kein Erdgas mehr einsetzen. Derzeit stellen Gaskraftwerke zehn Prozent der Jahresstromproduktion. 60 Prozent des Stroms kommt aus Kernkraft, knapp ein Viertel aus Wasserkraft. Die restlichen sechs Prozent entfallen vor allem auf Windräder.

Bruce-Nuclear-Szmurlo

Soll saniert werden: Bruce Nuclear Power Station | Foto: Chuck Szmurlo [GFDL, CC-BY-SA-3.0 or CC BY 2.5], via Wikimedia Commons

Energie-Experten wie der prominente Vorkämpfer für den Ausbau der Erneuerbaren Energien in Nordamerika, Paul Gipe, vermuten deshalb, dass der erhöhte Strombedarf in Ontario mit einem verstärkten Ausbau der risikoreichen Kernenergie einhergehen wird. „ Um es kurz zu sagen, der rasante Erneuerbaren-Zubau bedrohte in Ontario die Dominanz der Atomkraft – das ändert sich jetzt auf Kosten der Erneuerbaren“, sagte er jüngst in einem Interview mit der Online-Plattform „energiezukunft“.

Größtes aktives Atomkraftwerk wird jetzt noch größer

Ein Ausstieg aus der Atomenergie spielt auch nach den Plänen der Provinzregierung Ontarios aktuell keine Rolle. Im Gegenteil: Mehr als acht Milliarden Euro sind für die Erneuerung von sechs Reaktoren des Bruce Power Plants vorgesehen. Es ist das größte Atomkraftwerk der Welt. Daneben hat Ontario auch noch Kernkraftwerke in Pickering und Darlington. Wie risikoreich der Betrieb von Atomkraftwerken ist, kann nach den Super-GAUs in Tschernobyl und Fukushima niemand mehr ernsthaft bezweifeln – ganz abgesehen von der ungelösten Endlager-Frage.

Das Ziel: Nur mit vereinten Kräften erreichbar    

Was bedeutet das für die ambitionierten Klimaschutz-Pläne des neuen kanadischen Premierministers? Klar ist: Alleine wird Justin Trudeau die Dekarbonisierung der kanadischen Wirtschaft und den Ausbau der erneuerbaren Energien nicht stemmen können. Politisch ist er auf eine enge Kooperation mit den Provinzregierungen angewiesen – und  das ist angesichts der unterschiedlichen Interessenslagen sicher alles andere einfach. Aber Meister sind ja noch nie vom Himmel gefallen.

 

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